Nach Jack Foster („How to get ideas?“) ist eine Idee die noch nie dagewesene Verbindung von bekannten Elementen zu einem neuen Ganzen. Eine Idee formiert sich also nicht aus unbekannter „Masse“, sondern sie bedient sich bereits vorhandener Elemente. Das entscheidende Moment ist die neue und überraschende Verbindung des Altbekannten.

 

Das erschien mir bislang eine sehr logische, wenn auch wenig romantische, Definition einer Idee zu sein. Man kann ja nicht ständig komplett neue Zutaten hervorzaubern, aber bekannte Zutaten neu kombinieren – das klingt nach einem soliden Kochrezept.

 

Kürzlich aber habe ich das Buch „Big Magic“ von Elizabeth Gilbert  gelesen.

Ja, die Gilbert, die sich erst durch Italien gefuttert, dann in Indien meditiert und schließlich auf Bali die Liebe für’s und zum Leben gefunden hat. Und die diese Erfahrung in ihrem Buch „Eat, pray, love“ verarbeitet hat. (Da Gilbert mit diesem Stoff den Nerv einer Generation von Sinnsuchenden getroffen hatte, wurde das Buch zum Bestseller und schließlich mit Julia Roberts verfilmt.)

 

In ihrem neuen Buch „Big Magic“ beschäftigt sie sich mit der Frage wie und warum man seine Kreativität unbedingt und unter den widrigsten Umständen leben sollte und wie man sie zum Leben erwecken kann. Da spricht eine, die nicht anders kann. Die kompromisslos ihren Weg gegangen ist und der die Gnade zuteil wurde und wird, zwar an allem anderen, aber niemals an ihrer Berufung zur Schriftstellerin zweifeln zu müssen.

Dass sie als solche ständig auf Ideen angewiesen ist, versteht sich von selbst.

Und so hat auch sie sich Gedanken darüber gemacht, woher Ideen eigentlich kommen. Gilbert hat eine etwas andere (wie ich finde, erfrischendere) Vorstellung als Foster, was die Ideen anbelangt: Sie glaubt, die Erde sei bewohnt von Menschen, Tieren, Bakterien, Viren und – Trommelwirbel - Ideen!

 

Die einzige Daseinsberechtigung und der einzige Lebenszweck einer Idee (die sie als eine Art Energie beschreibt) ist es, sich durch uns Menschen zu manifestieren.

Die Ideen brauchen uns also, um sich entfalten zu können, um zum Leben erweckt zu werden. Und deshalb sind sie permanent auf der Suche nach den zu ihnen passenden Menschen; nach denen, die ihnen helfen können, ihre Identität zu offenbaren.

 

Ich habe mich eine Weile gefragt, was genau mir an diesem Gedanken so gut gefällt, dass er mir ein Grinsen ins Gesicht zaubert?

Zunächst einmal finde ich das Ganze sehr anschaulich. Ich sehe vor meinem inneren Auge sofort kleine energetische Wirbel, die uns "umschwirren“, "beschnüffeln“, „befühlen“, beobachten, um einen Eindruck davon zu bekommen, ob wir der richtige Wirt sind.

Das ist schon mal ein lustiger, herzerwärmender Gedanke.

Außerdem gefällt mir auch die Vorstellung, dass ich einer Idee zum Leben verhelfen kann. Nicht etwa, weil ich das Gefühl der Macht schätze, sondern weil mich Kreativität fasziniert, egal in welcher Form sie daherkommt. Die Vorstellung, dass ich mich so einer Idee mit all meinen Möglichkeiten zur Verfügung stelle, damit diese sich zeigen kann, finde ich äußerst befriedigend. Das allein wäre schon ein durchaus würdiger Lebensinhalt.

Ich möchte gerne Geburtshelfer für so viele Ideen wie möglich sein. Noch dazu, da davon ja nicht nur die Idee profitiert, weil sie ihren Lebenszweck erfüllen kann, sondern im Zweifel auch ich als Wirt. (Okay, es gibt auch dumme, böse, schlechte Ideen, da ich aber wirklich versuche, weder dumm, noch schlecht, noch böse zu sein, hoffe ich, dass diese Spezies Ideen erst gar nicht bei mir andocken und wenn doch, so schlecht genährt und unterstützt werden, dass sie sich gleich wieder verziehen.)

Die Idee als lebendige Energie – da bekommt das Thema Kreativität auf einmal etwas sehr Spielerisches.

 

Auffällig viele Menschen, die etwas an ihrem Leben verändern wollen, begründen dieses Verlangen nach Veränderung  damit, dass sie ihre Kreativität wieder mehr leben und diese wieder mehr gesehen haben wollen.

Vielleicht hängen einfach so viele Ideen an ihnen, die darauf drängen, ihre Identität zeigen zu können, dass sich diese Menschen dem (Hilfe-)Ruf der Ideen einfach nicht mehr entziehen können. (Wer sich ein bisschen mit der Heldenreise auskennt, mag sich fragen, ob dieser ominöse Ruf, den der Held mal leise, mal laut, aber doch mit steter Vehemenz wahrnimmt, vielleicht von eben diesen Ideen ausgeht, die verzweifelt darum bitten, durch unseren Einsatz „wachgeküsst“ zu werden.)

Mir hat noch nie jemand gesagt, sein Leben sei ihm zu bunt, zu abwechslungsreich, zu kreativ, zu ideenreich – wenn Kreativität überhaupt mal negativ wahrgenommen wird, dann höchstens, weil sie ein gewisses Chaospotenzial birgt.

 

Ich habe schon lange die Vermutung, dass das Thema „Kreativität“ und Ideenverwirklichung ein für uns Menschen ebenso existentielles ist, wie das Thema Liebe - wenn auch lange nicht soviel besungen und bedichtet. Wir müssen unseren Ideen und unserem kreativen Ausdruck Raum und Zeit geben können/dürfen, wollen wir nicht seelisch verhungern und abstumpfen.

Der Gedanke, dass wir mit unserem kreativen Schaffen eben auch Hebammen für Ideen sind, würde die These stützen, dass es beim „Kreativität leben“ um etwas wahrhaft Existentielles geht.

 

Das gesagt, ist auch ein Blick auf den Umgang mit Ideen vor dem Hintergrund der eigenen Biografie sehr interessant:

 

  • Wie habe ich wann Ideen angenommen, genährt und umgesetzt? Was hat das mit mir gemacht? Was war die letzte Idee, die ich umgesetzt habe?

  • Wann habe ich Ideen abgelehnt? Warum? Wie ging es mir damals damit? Wie geht es mir jetzt in der Rückschau damit? Worum ging es bei der letzten Idee, die ich abgelehnt habe? Warum?

  • Wenn ich mal ganz genau hinfühle, welche Ideen scheinen gerade um mich herumzuspuken? Wie gehe ich mit ihnen um? Ändert sich an meinem Hinspüren und am Umgang mit diesen Ideen etwas, wenn ich sie mir als lebendige, hilfesuchende Energien vorstelle? Was macht der Gedanke, dass Ideen quasi lebendige Wesen sein könnten, mit mir?

  • Welche Ideen würde ich mir herbeirufen, wenn ich es mir aussuchen könnte? (Und kann ich das vielleicht sogar?)

 

Mir macht die Idee von der „Idee als energetisches Wesen“ wahnsinnig Lust, noch offener, noch uneingeschränkter zu denken und zu fühlen. Auf dass sich viele Ideen zu mir hingezogen fühlen, die ich nähren und zum Leben erwecken darf. Denn ich bin mir sicher, dass das in vieler Hinsicht eine unglaubliche Bereicherung wäre – für die Idee, für mich und für mein Umfeld!  

Katrin Bache

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Je intensiver wir den biografischen Raum erkunden, desto klarer wird unser Blick für das Wesentliche.